Archiv für November, 2007

VON LÖWEN UND LÄMMERN (2007)

Diese Rezension wurde mir von dot-friends.com ermöglicht, welche mir eine Freikarte zum Premierentag spendiert haben. Vielen Dank.

“Ich könnte mir gut vorstellen, in Deutschland zu leben. Es gibt hier einfach die intelligenteren und besser informierten Menschen.”

Sinngemäß sagte Robert Redford diesen Satz vor ein paar Tagen in einem Interview, in dem er auch ankündigte seine Freundin aus Hamburg zu heiraten. Da läuteten schon die Glocken für diejenigen, die den Film “Von Löwen und Lämmern” bisher noch nicht in einer Preview gesehen haben. Wer genau aufgepasst hat, wusste, dass ihn eine Abrechnung erwarten würde: eine Abrechnung mit dem amerikanischen Volk, mit der amerikanischen Presse… mit der amerikanischen Politik und dem immer noch amtierenden Präsidenten.

Was man aber tatsächlich durchleben würde, wenn man in diesen Film geht, das konnte niemand ahnen. Vorbei an den Menschenmassen, die im CineMaXX München gerade in das KINO2 gingen und sich “Lissy und der wilde Kaiser” angeschaut haben, konnte man gemütlich in das wesentlich kleinere KINO1 gehen und gespannt darauf warten, ob “Von Löwen und Lämmern” die Erwartungen einhält – wenn man überhaupt mit Erwartungen rein gegangen ist. Wahrlich: ein Blockbuster ist der Film nicht gerade. Kann er auch nicht sein, dazu wird er zu sehr in die Tiefe gehen. Inhaltliche Tiefe und Breitenwirksamkeit vertragen sich nun mal nicht.

Und so wirkt die Klientel etwas irritierend: rechts neben mir zwei Frauen, Mitte bis Ende 40, die sich gerne mal mit zwei Becks-Flaschen laut klirrend zuprosten und schmachtend jede einzelne Redford-Szene herbei sehnen – zum Glück haben die keine Fernbedienung. Hinter mir ein paar Pärchen, deren weibliche Parts kurz vor dem Film noch versuchen herauszufinden, was sie sich denn anschauen: “Was ist das denn nun? Ne Liebesschnulze oder ein Actioner?” – nur um erstaunt festzustellen, dass da ja tatsächlich auch Tom Cruise mitspielt. Die informiertesten und interessiertesten Zuschauer sitzen wohl links von mir: Anfang bis Mitte 20, männlich, und mehr als nur an einem spannenden Abend interessiert. Amerika – du bist wahrlich nicht allein.

Dieser Film wird wohl eher keine Oskars bekommen – dazu sitzen wahrscheinlich zu viele Schisser in der Oskar-Jury. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.

 

INHALT

Im Grunde handelt es sich um einen Realtime-Episodenfilm. Es werden 90 Minuten eines Vormittags beschrieben, aus drei verschiedenen Warten die ineinander verwoben werden.

Eine Journalistin, Janine Roth (Meryl Streep), wird zu Senator Jasper Irving (Tom Cruise) gerufen. Sie hat ihn in der Vergangenheit als DIE politische Zukunft hingestellt, weswegen er ihr alle Unterstützung zukommen lassen würde. Sie wird erkennen müssen, dass er sie wieder mal als politisches Instrument benutzen will: “Sie haben den Krieg verkauft, und jetzt verkaufen Sie mit mir bitte auch die Lösung.”

Dr. Stephen Malley (Robert Redford) ruft einen Studenten, Todd (Andrew Garfield) zu sich, in den er zwar große Hoffnung gesetzt hat, der sich aber nach seinem anfänglichen Enthusiasmus vom süßen Studentenleben der Reichen hat verleiten lassen. Zwischen den beiden entbrennt eine Diskussion über die Möglichkeiten des normalen Volkes, sich gegen die Politik zu wehren. Hierzu erzählt Dr. Malley die Geschichte zweier seiner ehemaligen Studenten: Ernest und Arian. Diese beiden haben für sich als einzige Möglichkeit, sich in die Gesellschaft einzubringen und etwas zu bewirken, gesehen, sich freiwillig zum Wehrdienst zu melden – mit einer tatsächlich einsichtigen Begründung.

In der dritten Episode sieht man die Folgen, die Ernest und Arian als Soldaten durch ihre Entscheidung tragen müssen. Sie führen gerade die “neuen” militärischen Ideen, die Senator Irving der Journalistin Roth erläutert, aus. Die “neue” Idee ist eine alte: anstatt große Mengen von Soldaten in den Krieg zu schicken, werden kleine Platoons auf strategisch wichtige Bereiche gesetzt, um den Feind zu vernichten. Das hat man schon im Vietnam-Krieg versucht, und schon damals hat es nicht geklappt.

 

KRITIK

Robert Redford hat dem Zuschauer tatsächlich etwas zu sagen. Und er tritt einigen Leuten gehörig in den Arsch. Zuallererst mir, der ich doch ebenfalls gerne über die Politik schimpfe. Aber was bringt das schimpfen, wenn man selbst nichts tut? Schließlich kriegt die amerikanische Regierung ihr Fett weg: “Was haben wir die letzten sechs Jahre im Irak-Krieg getan? Im zweiten Weltkrieg haben wir keine fünf Jahre gebraucht.” Und selbst der für die Politik stehende Senator gibt zu, dass Fehler gemacht wurden. Für ihn zählt aber nur, den Terror zu besiegen: koste es was es wolle. Die Anzahl der Toten, die Kosten, alles irrelevant. Zuletzt bekommen die Medien noch einen vor den Latz: die Fakten und die Wahrheit waren immer da, man musste nur hinschauen. Und dennoch stellten sich die Medien in den Dienst der Politik, sendete rosarot verpackt den Krieg und seine Rechtfertigungen.
So nebenbei kommen noch eine ganze Menge Themen auf den Tisch, wie die Verantwortung der Universitäten im Sozialkompetenz-Bereich, ein Thema dass sich Deutschland mal zu Gemüte führen sollte – nicht obwohl, sondern gerade weil sich hier unverständlicherweise seit einigen Wochen noch mehr Unis als ELITE-Unis verkaufen dürfen…
Es werden so viele Themen aufgegriffen, manchmal nur mit einem Nebensatz, dass eine Besprechung derselben keine Rezension, sondern ein Buch in Anspruch nehmen würden.

Aber Redford hat nicht nur was zu sagen – er will auch verstanden werden. Man hat in diesem Film ein Mittel eingesetzt, das so ungewöhnlich für die deutschen Sehgewohnheiten ist, dass jeder Zuschauer erst einmal fasziniert drauf glotzt und nur selten im ersten Moment den Inhalt wahrnimmt: nahezu jedes Dokument, jeder Zeitungsausschnitt, alles Wichtige mit Buchstaben ist eingedeutscht. Ich meine damit keine Untertitel, oder nachgedrehte Standbilder. Im laufenden Film sieht man Briefe, Zeitungen, Akten und Overheadfolien mit deutschem Text, fast immer perfekt im Film integriert, als sei es so gedreht worden. Eine sinnvolle Idee, wird der Zuschauer so doch nach einer Eingewöhnungsphase nicht durch Untertitel abgelenkt – so wurde es vor Jahrzehnten im Schwarz-weiss-Film schon mal gemacht, allerdings eben mit in Deutschland nachgedrehtem Material. Ich bin jetzt schon gespannt, ob sich dieser Aufwand auf der DVD wiederfinden wird.
Bei solchen Kleinigkeiten erkennt man jedoch, wie genau sich Redford als Regisseur überlegt hat, wie er den, in seiner Drehplanstruktur als Low-Budget oder zumindest Independent ausgelegten Film möglichst wirksam präsentiert. Eben z.B. mit einem solchen wirklich faszinierenden Effekt, für den Industrial Light and Magic Zeichnung trägt. Nachdem man im Nachspann noch sieht, dass auch Skywalker Sound mitgearbeitet hat, ist klar, dass George Lucas, seines Zeichen Independent Filmer und bekennender Bush-Gegner, in diesen Bereichen mitgeholfen hat.
Schließlich wurde noch ein wenig Action eingefügt, die die etwas langen Dialogszenen auflockert und ein Cast aufgezogen, der jeden aufhorchen lassen muss: Robert Redford selbst stellt sich Meryl Streep und seinen guten Freund Tom Cruise an die Seite, der sicherlich nicht nur wegen seiner Nähe zur Scientology in diesem Bush-kritisierenden Film mitspielt. Haben Redford und Streep ihre Schäfchen längst im Trockenen und können sich sicher sein, dass es ihnen egal sein darf, was Zuschauer und Produzenten denken, so hat Cruise sicherlich noch einige Jahre vor sich, die er als Schauspieler verbringen will – auch wenn er es wohl am allerwenigsten finanziell notwendig hat. Und da braucht es schon eine ganze Menge Mut, sich vor die Kamera zu stellen, und der Politik sowie ca. 70% der amerikanischen Gesellschaft vor die Haustür zu scheißen. Alle Achtung, Mr. Cruise.

Dieser Film ist politisch und gesellschaftlich gesehen sicherlich der wichtigste Film der letzten 30 Jahre – vermutlich auch der nächsten 30 Jahre, denn Hoffnung hege ich nicht wirklich, dass dieses positive Beispiel Schule macht. Genau so wollten alle politisch interessierten Filmemacher seit den 70ern ihre Meinung kund tun – erst Robert Redford hat gezeigt, wie man es richtig macht.

10 von 10 Punkten – eine höhere Wertung ist leider nicht möglich. Dieser Film verbindet Sozialkritik, spannungsgeladene Action und dramatisches Schicksal in einem Polit-Kammerspiel der Extra-Klasse. Dies ist wohl der beste Polit-Thriller und der aufwühlenste Film, den ich je gesehen habe.

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 Viel Spaß damit! :)

Liebe Grüße,
Sinarius :)

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Die Mobile-Besucher werden vermutlich NICHT vom Counter gezählt.

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