Archiv für November, 2006

James Bond 007: CASINO ROYAL

Inhalt
Bond soll den Terroristen-Banker „Le Chiffre“ dazu bringen, zu den Engländern überzulaufen und diese mit Informationen zu versorgen, indem er ihn bei einem Pokerturnier ruiniert. Bond gerät bei seinem ersten großen Auftrag aber in einen Strudel von Gewalt und wird von Le Chiffre mit Anschlägen überhäuft.

Zum Film allgemein
„Casino Royale führt in die Vergangenheit von James Bond und erfindet den Agentenmythos neu.“ Dieser Satz aus dem Kinoprogramm der MaxX-Kinos (die mir, nebenbei bemerkt, im Gegensatz zu anderen Münchner Kinos endlich mal ein Kino-Erlebnis geboten haben, wie ich es mir wünsche) stimmt leider nur zur Hälfte. Tatsächlich wird James Bond mit „Casino Royale“ neu erfunden, in die Vergangenheit führt der Film allerdings nicht – zum Leidwesen der Wenigen, die James Bond auch immer als Romanfigur sehen. Aber dazu später mehr.

Aufgrund dieses außergewöhnlichen Bond-Filmes, der so gar nicht in die bisherige Bond-Reihe passen will, muss diese Review einen ganz anderen Weg gehen, als es bisher bei Bond-Filmen der Fall war. Ich werde zuerst ganz allgemein auf den Film eingehen. Danach werde ich beleuchten, ob das Versprechen, diesen Bond-Film literarischer zu gestalten, erfüllt wurde, und schließlich werde ich die Kardinalfrage von „Casino Royal“ aufgreifen: ist Daniel Craig ein guter James Bond – besser gesagt, ist er überhaupt ein James Bond?

Als ich das erste Mal erfuhr, dass „Casino Royale“ nun doch als echter Bond-Film produziert wird (was alleine schon eine Gefahr darstellte, weil aus diesem Stoff schon in den 60ern eine grandiose Komödie gemacht wurde), war mir klar, dass die Bond-Reihe eine neue Wendung nehmen musste: zu bedeutend ist der erste Bond-Roman, als dass man, wie so oft, einfach nur den Titel und ein paar Hauptfiguren eines Romans von Ian Fleming nehmen kann und daraus dann einen Action-Film strickt.

Was für einen Film erwartet den Zuschauer: nun, zuerst einmal ein wirklich grandioser Action-Film, das war klar. Dass man aufgrund des letzten offiziellen Trailers dennoch mit falschen Erwartungen ins Kino geht und ein modernes Screendesign mit 3D-Kamerafahrten und „The Transporter“-mässigem Bildaufbau erwartet, ist nicht die Schuld der Zuschauerschaft, sondern der Produzenten, die mit dem erwähnten letzten Trailer eine falsche Erwartung geschaffen haben. So was kann man getrost auch Mogelpackung nennen. Aber egal. Das merkt man eh erst, wenn es quasi zu spät ist und man von den wirklich einzigartigen Parkour-Action-Sequenzen und der überraschend brutalen Ausstrahlung Craigs überrumpelt wurde.

Die ersten 60 Minuten des über 2 Stunden und 20 Minuten dauernden neuen Bond-Films sind Action pur. Mit einem der coolsten Bonds, den wir bisher kennen gelernt haben. Da wird in schwindelnder Höhe auch mal eine Handfeuerwaffe, die Bond aus dem Gleichgewicht bringen soll, einfach so aufgefangen und zurück geworfen. Ein wenig Hulk-Action bringt Komik auf, wenn Bond einfach so durch eine Wand durchbricht.
Action eben  – Action vom Feinsten. Und eben genau das, wogegen Pierce Brosnan und die letzten Bond-Filme angekämpft haben. Da befürchtete man schon, dass man wieder in die Bond-Machart von vor 15 Jahren zurück versetzt wird, in der einzig Action zählte und weder Figurenentwicklung noch der Agenten-Film-Charme der 60er, der Bond-Filme von Anfang an, vor allem die mit Sean Connery, auszeichnete, zum Zuge kommen. Aber weit gefehlt.

Ab dem Moment, in dem man mit dem frisch zur Doppel-Null rekrutierten Bond nach Nassau fährt, um gegen Le Chiffre im Pokerturnier zu gewinnen, wird aus „Casino Royal“ ein waschechter Bond-Film. Die Bond-Girls sind diesmal etwas spröde und für den männlichen Zuschauer gibt es wahrlich nicht viel zu sehen. Dafür werden die Freundinnen der selben mit dem durchtrainierten Daniel Craig dafür versöhnt, dass sie in einen Action-Film geschliffen wurden, den sie eh wegen des ach so charismatischen Hauptdarstellers sehen wollten. in Punkto Sex darf der neue Bond also auf jeden Fall dazu lernen. Ob man als Zuschauer nun in jedem Bond-Film die berühmte “Ich tauche sexy aus dem Meer auf”-Szene, die auf dem ersten Bond-Film fusst und schon im letzten Brosnan-Bond mit Halle Berry so erwartungsvoll in Szene gesetzt wurde, erwarten darf, werden wir noch sehen.

Was man dafür als wahrer Bond-Fan aber zu Hauf bekommt, sind Casino-Szenen, mit die besten, die es je in einem Bond-Film zu sehen gab, echte Agenten-Szenen jenseits der Popcorn-Action bis hin zu einer (gerade in Hinblick auf aktuelle Nachrichten brisante) Vergiftungsszene (eine der spannensten überhaupt im Film). Wie in klassischen Bond-Filmen üblich, gerät Bond in die Fänge des Bösewichts, gerät in schlimmste Gefahr (und in die härteste Folterszene, die ich in einem Film ab 12 je gesehen habe), und kann sich gegen Ende natürlich daraus befreien, sonst gäbe es ja nicht den nächsten Bond-Film.

So weit, so gut, man wird gut unterhalten in dem neusten Bond mit dem neuen Gesicht. Was ist aber mit den Versprechen, die im Vorfeld abgegeben wurden? Da wurde von einer literaturnahen Verfilmung gesprochen. Ich möchte ausführlicher darauf eingehen, da genau dies von den meisten anderen Kritikern nicht getan werden kann – einfach weil die meisten wohl noch nie einen Bond-Roman gelesen haben werden.

Zum Versprechen einer literarischen Verfilmung
Tatsache ist, dass man sich in Casino Royal tatsächlich etwas mehr aus der Ian Fleming – Vorlage bedient hat, als es in den meisten Bond-Filmen der Fall war. Aber es wurden einfach einige krasse Kardinalfehler begangen. Wie kann man nur die Anfangsgeschichte von James Bond in die Gegenwart legen? Die Agenten-Ikone des kalten Krieges in eine Zeit versetzen, die dessen Geburt in eine Zeit setzen musste, die schon nach dem Erscheinen des ersten Bond-Filmes liegen muss?
Aber genau das hat man getan. Wenn man sich die Daten auf der Webseite www.casinoroyal-derfilm.de ansieht, ist der neue Bond tatsächlich im Jahre 1968 geboren.
Von einer literarischen Verfilmung, wie man sie in „Goldfinger“, „Im Geheimdienst ihrer Majestät“, vielleicht sogar noch in „Der Mann mit dem goldenen Colt“ gesehen hat, kann man sich also getrost verabschieden. Von der englischen Erziehung, die auch aus einem eiskalten Killer im Namen ihrer Majestät, der Frauen in seinem Geschäft nicht gerne sieht, auch.
Das einzige, was man dem Film zugestehen kann, ist tatsächlich, dass der Aufbau des Romans in die Neuzeit verfrachtet wurde und eben nicht nur rudimentäre Grundzüge aus dem Roman entnommen wurden wie bei den meisten anderen Bond-Filmen. Ist ja auch schon mal was.
So langsam dämmert einem, dass hier tatsächlich eine neue Ära eingeläutet wird. Man hat sich nicht getraut, zurück in die Zeit des kalten Krieges zu reisen und eben dann das daraus gemacht, was man jetzt im Kino sehen kann – eine Agenten-Geschichte, deren Brisanz nicht mehr dieselbe ist, wie die des Originalstoffes. Nur so war es auch möglich, wieder einen weiblichen „M“ zu integrieren, der ja mit Pierce Brosnan eingeführt wurde, weil der Chef des MI6 auch in Wirklichkeit mittlerweile eine Frau ist. Wurde Pierce Brosnan in seinem ersten Bond-Film noch als Relikt aus dem kalten Krieg beschimpft, hören sich die Schimpfattacken der Chefin heute ganz anders an: „Früher hatten Agenten, die so einen Mist gebaut haben, zumindest den Anstand, überzulaufen. Meine Güte, wie ich den kalten Krieg vermisse.“

Spätestens nach diesem Satz müsste man eigentlich verstehen, dass einen etwas vollkommen Neues erwartet, was auch einen neuen Charakter der Bond-Figur rechtfertigt  - nicht bedingt, wohlgemerkt, aber durchaus rechtfertigt.

Der Drehbuchautor hat diesen Weg eingeschlagen – ist man verstockt als Bond-Fan, kann man resignieren und alles, was ab jetzt ins Bond-Kino kommt ad acta legen.

Man kann dem neuen Weg aber auch folgen - und wenn man dies tut, wird es auch interessant.

Auch wenn mir der traditionelle Bond-Charakter besser gefallen hat, in diesem neuen Setup macht der neue Bond durchaus Sinn: es ist kein charmanter, harter aber gut erzogener Bond mehr, den man da im Kino sieht.
Es ist ein rotzfrecher, neuer Bond, der sich gegen seine eigene Gesellschaft stellt und eben am Beginn seiner Doppel-Null-Karriere mit Anfang 30 steht. Mich hat sehr lange gestört, dass ein solcher Charakter von einem Schauspieler verkörpert wird, der locker wie Mitte 40 aussieht – geht man aber davon aus, dass Männer, die viel mit Krieg zu tun haben, schneller altern, passt das sogar.

Eine andere Sache passt aber nicht: mit Anfang 30 lässt sich ein Mann nicht mehr stylistisch so locker erziehen, wie es der Craig-Bond in Casino Royal mit sich machen lässt. Bond-Girl Vesper ist mehr Bond als Bond selbst, was wohl ebenfalls beabsichtigt ist - sie soll Bond wohl in seine eigentliche Richtung schubsen. Und wird es durch die tragische Wendung in der Geschichte auch irgendwann schaffen - wenn auch nicht in diesem Teil der neuen Bond-Reihe.
Würde da ein Mann Mitte 20 sitzen, würde der gesamte Charakter verständlicher wirken: da würden seine Regelverletzungen, sein impulsives und einseitiges Sexleben, seine noch nicht sehr weit entwickelte Persönlichkeit Sinn machen. Da würde man es auch gleich genießen können, mitzuerleben wie er sich von anderen abschaut, wie er sich zukünftig vorstellt, wie er seinen eigenen Cocktail erfindet (nicht den Wodka Martini, sondern den „James Bond“), wie er (nicht durch eine Frau, wie man immer wieder gelesen hat, sondern eben durch Erfahrung) zu dem Mann wird, den wir kennen. Trotzdem fehlt auch gegen Ende dem neuen Bond die englische Erziehung, der Gentleman, der zu Bond gehört wie der Smoking. Auch das ist aber gewollt, das merkt man schon an seiner ersten Martini Bestellung: „Einen Wodka Martini bitte.“ – „Geschüttelt oder gerührt?“ – „Sehe ich aus wie ein Mann, den das interessiert?“.
Man kann so einen Satz als Ketzerei gegen Bond sehen – man kann aber auch lachen und ein Tränchen für den alten Charakter verdrücken, den man wohl nie wieder sehen wird. Aber man hatte ihn ja auch 20 Filme lang.

Daniel Craig als James Bond 
Was habe ich, als Daniel Craig als Bond-Darsteller genannt wurde, nicht mitgeschimpft. Wie, bitte schön, soll so eine blonde Gesichtsbaracke (tschuldigung, aber stimmt doch) bitte einen smarten Bond abgeben???
Die Antwort ist einfach: GAR NICHT! Bond ist nicht mehr smart – oder noch nicht, man weiß ja nicht, was im nächsten Bond-Film, der für Ende 2008 angekündigt ist, so kommt, und wie sich der Bond-Charakter darin weiter entwickelt.
Eines ist Daniel Craig ganz sicher nicht: vergleichbar mit irgendeinem der bisherigen Bond-Darsteller, und genau das war wohl auch beabsichtigt.
Wenn Daniel Craig sagt, er hofft, er ist dabei beim nächsten Bond-Film, denn sie hätten etwas Neues begonnen, und er wäre gerne bei dieser Entwicklung dabei, kann ich ihm nur zustimmen. Nachdem dieser waghalsige Schritt gemacht wurde und nun mal etwas Neues begonnen wurde, sollte Craig auch die Figur, die am Ende von Casino Royal noch weit entfernt aber auf dem Weg zu unserem bekannten Bond ist, weiter mitgestalten dürfen. Denn eines ist ganz klar: Craig ist ein hervorragender Schauspieler, sieht in Action-Szenen verdammt gut aus, und wirkt auf Frauen - warum auch immer… ;-) . Und das sind nun mal die wichtigsten Voraussetzungen für einen Bond-Darsteller. Dass er in Casino Royal nicht den klassischen, smarten Bond geben durfte, ist nicht seine Schuld. Ich bin mittlerweile überzeugt, er hätte das gekonnt, wenn die Drehbuchautoren ihn gelassen hätten.

Fazit:
Wer sich auf das neue Bond-Experiment einlässt, wird hervorragend unterhalten. Daniel Craig erfüllt vielleicht nicht die Erwartungen der wahren Bond-Fans, aber das konnte er durch das Drehbuch, welches neue Wege einschlägt, auch nicht. Das offene Ende von Casino Royal macht jedenfalls neugierig auf die weitere Entwicklung.

Bewertung:
8 von 10 Punkten
: es ist ein guter Action-Film, ein echter Bond-Film und für den Mut der Produzenten, einen solchen verrückten Schritt eines absoluten Neuanfangs zu wagen gibt es von mir einen Extrapunkt.

PS:
Ich glaube, ich habe einen Cameo-Auftritt von Sean Connery entdeckt! Als Daniel Craig das Rezept seines ganz eigenen Martinis aufsagt gibt es einen Sekundenbruchteil einen Schnitt zu einem Casinobesucher, der sagt: „So einen will ich auch!“. Ich glaube, dass dies der junge Sean Connery war. Wer demnächst ins Kino geht und den Film anschaut, möge bitte mal darauf achten, ob ich mich da nicht doch getäuscht habe.

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