Archiv für Juli, 2006

Rudi Carell ist tot

Der letzte große Entertainer ist nun auch gegangen. Und spätestens jetzt gibt es im Himmel garantiert die besseren Shows als hier auf Erden. Denn wenn die bisher Gegangenen noch umhergeirrt sind, Rudi wird sie zusammentragen und das grösste Entertainmentereignis auf TV HIMMEL 1 veranstalten, dass es seit Anbeginn der Zeit jemals gegeben haben wird.

Ich hab so vieles an ihm geschätzt. Das, was er mir über Komik beigebracht hat, ohne es selbst zu wissen, zum Beispiel.

Aber auch, dass er so würdig gegangen ist. Er hat keine Heuchelei gebraucht, nicht plötzlich gegen die Zigarettenindustrie gewettert. Er hat es so gesehen wie es ist: er hatte ein gutes Leben, er hatte so manches Laster, er hat seine Risiken angenommen, und er hat die Konsequenzen wie kein zweiter getragen, ohne Verbitterung, ohne Schuldgefühl. Hoffentlich bin ich auch mal so.

Danke, Rudi Carrell, dass Sie uns soviel Freude bereitet haben.

PS: Wer sich in das Gästebuch der Fanseite eintragen will: http://www.rudicarrell.com/ .

Kommentar

SESSION 9

Session 9
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INHALT:

Unter der Leitung von Gordon (Peter Mullan) soll ein Expertenteam in einer verlassenen Nervenheilanstalt Asbest beseitigen. Die klaustrophobische und düstere Atmosphäre des seit Jahren verlassenen Gebäudes schlägt jedoch schnell auf die Stimmung des Teams um. Jeder findet für sich Überbleibsel aus der Anstalt, die die Greueltaten von früher aufzeigen. Jedes dieser Fundstücke hat Einfluss auf die Beteiligten, vor allem die Tonbänder einer unter multipler Persönlichkeitsstörung leidenden Patientin scheinen die Geschehnisse zu beeinflussen.

KRITIK:

Enttäuscht wurde ich wahrlich nicht.
Dank der genialen Inszenierung ist die Atmosphäre äusserst unheimlich und dicht. SESSION 9 packt einen von der ersten Sekunde an. Und das ist gut so, denn am Ende wird man feststellen: von der Story lebt der Film letztenendes nicht wirklich. Und wer sich den Bonus ansieht, erkennt auch warum: der eigentlich gedachte Hauptplot wurde vollständig rausgeschnitten. Und in den Interviews reden die Schauspieler von Themenzusammenhängen, die im Film leider überaupt nicht (mehr) vorkommen.
Machen wir uns nichts vor: der Film, wie er jetzt ist, ist voraussehbar und verspricht zu Beginn viel mehr Mystik, als am Ende dann leider drin ist. Ich wage zu behaupten, dass, wenn ich das Drehbuch nach den ersten 45 Minuten in die Hand genommen hätte, man mit offenem Mund am Ende dagestanden hätte.

Die Regie von Brad Anderson jedoch ist astrein, benutzt zwar altbekannte Stilmittel, aber Anderson KANN das auch, im Gegensatz zu vielen anderen aktuellen Regisseuren, bei denen der VERSUCH steckenbleibt und ins “abkupfern” abzudriften droht. Auch besonders hervorzuheben ist das Sounddesign, sowas geiles hab ich schon lange nicht mehr gehört. Allein der Soundtrack treibt einem die Gänsehaut den Rücken hoch und lässt den Zuschauer oft genug zusammenzucken.
So hatte man dank genialem Bild und Sounddesign meist grandiose Schockeffekte und eine Spannung, die ich seit Ewigkeiten in neuen Filmen vermisst habe… (negativ ist mir nur eine Szene aufgefallen, in der der junge Kerl vor der Dunkeklheit flieht: man sieht, wie es gemeint ist und es ist immer noch eine der stärksten Szenen im Film überhaupt, aber die Durchführung hätte dennoch ein wenig Feinjustierung gebrauchen können). Verstörende Bilder tun ihr übriges zum fast perfekten Gänsehautschocker.

Also Spannung pur, die einen nicht vom TV wegsehen lässt, und das ist ja schon mehr, als man sich heutzutage wünschen kann. Da ändert auch das unspektakuläre und durchaus vorhersehbare Ende nichts daran.

Was stört mich denn an der Geschichte, bzw. was fehlt mir? Mal ein Beispiel:
es geht ja um Tonbandaufnahmen von einer Patientin, die unter multipler Persönlichkeitsstörung leidet. Die fünf sich in ihr befindlichen Personen werden von den Bildern her mit den nun real im stillgelegten Irrenhaus befindlichen Handwerkern verglichen. Leider nur vom Bild und nicht von der Story her. Achtung - KEIN Spoiler! Aus dem Bonus-Material ergibt sich, dass diese Patientin noch im Institut umhergeistert, ob real oder als Geist, keine Ahnung. Ich vermute, dass man geplant hatte, den Plot so zu gestalten, dass die Handwerker den fünf Personen entsprechen, und sie sich nun befreit, indem sie diese fünf Personen wie auch immer tötet. Dieser Plot ist vollkommen fallen gelassen worden, zugunsten eines weitaus langweiligeren und nichtssagenden Plot, den man nur so verstehen kann, dass das Haus selbst und die Greueltaten, die darin (auch in Wirklichkeit) passiert sind, die Protagonisten beeinflussen. Sitzung Nummer 9 hat im Grunde keine tiefergehende Bedeutung mehr, und der Versuch, am Ende noch ein wenig Verwirrung um den Täter reinzubringen, wirkt leider hölzern. ABER wie gesagt, das fügt dem Film im Grunde keinen Schaden zu, er ist mit das Spannenste der letzten Jahre. Wenn ich mir aber vorstelle, wie gut das “Simon sagt”-Thema, das noch vorhanden ist, mit dem ursprünglichen Plot harmoniert hätte, ärgert es, dass aus welchen Gründen auch immer ein Film verändert wurde, der der stärkste Schocker des Jahrzehnts hätte werden können.

Die Schauspieler spielen grandios, und seit langem seh ich (vor allem bei dem jungen Kerl, der eine Phobie vor der Dunkelheit hat) sogar mal wieder eine ausserordentliche Leistung im Synchron. Hervorzuheben ist noch, dass ausser ein paar standbildartigen Aufnahmen einer Ehefrau kein weibliches Wesen vorkommt - Filme ohne Frauen, sowas gab es bisher eigentlich nur in knallharten (und deshalb so beliebten) Western. Ehrlich, nachdem ich vor ein paar Tagen “The Texas Chainsaw Massacre” im Original gesehen habe, war ich direkt erleichtert, nicht schon wieder irrwitziges Frauengekreische hören zu müssen.

Geheimtip? ALLERDINGS! Dieser Film ist zwar ein waschechter FSK16er, aber lieber weniger Blut und dafür mehr Gänsehaut, als umgekehrt.

Ich hoffe auf einen Directors Cut, in dem der alte Plot wieder aufgenommen wird. Aber auch so darf dieser Film in keiner DVD-Sammlung fehlen, in der sich Horror-Thriller befinden.

Bewertung:

Regie: 9 von 10
Buch: 6 von 10
Kamera: 9 von 10
Sound: 7 von 10
Insgesamt: trotz der Story-technischen Mängel 8 von 10 Punkten.

Nachtrag [10.07.2006]: Ich hab mir heute den Film nochmal auf einem Surround-System angesehen und setze die Sound-Bewertung herunter (von 10 auf 7). Der Sound ist zwar astrein, aber auf Dauer sind die immer gleichen Effekte und das ständige Subwoofer-Brummen doch nervtötend…

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