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CSI: Grabesstille (Die Tarantino-Folge)

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Tarantino zeichnet für Buch und Regie bei den letzten beiden Folgen der fünften Staffel von CSI. Was erwartet man da? Erwartet man vielleicht, dass plötzlich ein neues CSI aus dem Hut gezaubert wird? Dass Film- und TV-Geschichte geschrieben wird? Dass man 90 Minuten perfekt unterhalten wird?
Erwartet man vielleicht zuviel in dem einen oder anderen Punkt?
Mal sehen.

INHALT (Ausschnitt aus dem VOX-Episodenguide):
Nick wird bei einer Tatort-Ermittlung entführt. Niemand hat etwas gesehen, und es gibt auch kein offensichtliches Motiv für die Tat. Das gesamte CSI-Team ist ratlos - bis eine Botschaft des Entführers eintrifft. Er fordert eine Million Dollar Lösegeld und gibt den Ermittlern ein Passwort für eine Internet-Seite, auf der sie Nick über ein Live-Video-Stream sehen können: Der Entführer hat ihn in einem Plexiglas-Sarg lebendig begraben.

Im Sarg ist eine Beleuchtung angebracht, so dass die Ermittler ihren Kollegen mit jedem Mausklick für zwei Minuten sehen können.

KRITIK:
Die Grundidee ist einfach… sehr einfach. So einfach, dass ich in meinem Blog zum ersten mal spoilern werde, weil es für die Folge einfach nicht wichtig ist.
Der Vater einer vor Jahren vom CSI inhaftierten Frau will Rache am CSI üben und lässt sich etwas diabolisches einfallen. Nicht gerade berauschend? Nein, ist es tatsächlich nicht, die ganze Geschichte um das Motiv herum ist zu einfach. Naja, eine kleine Schwäche.
Aber diese Schwäche ist eingebettet in eine furchterregende Idee: zum ersten Mal ist ein CSI-Beamter selbst das Opfer, zum ersten Mal helfen die CSI-Methoden nicht (zumindest nicht auf Anhieb), und die Verzweiflung der Kollegen und Freunde von Nick packt auch den Zuschauer. Tarantino gelingt es mehrfach, den Zuschauer mit Gänsehaut und offenem Mund vor der Mattscheibe sitzen zu lassen und ihn in existenzielle Ängste zu stürzen. Die Furcht davor, lebendig begraben zu werden, scheint in fast jedem Menschen zu stecken, die Hilflosigkeit, einem guten Freund gegenüber, den man beim sterben zusehen soll ist aber fast noch schlimmer.

Als Tarantino-Fan stösst man hier auf ein Stück Film, dass zwar gerade mit der „Lebendig begraben“-Idee den Zuschauer mit der Nase auf KILL BILL stösst, auf der anderen Seite fügt sich diese Doppelfolge dennoch nahtlos in den Rest der Serie ein. Ein wenig aufgesetzt wirkt das Pulp-Fiction-mässige aufweichen der Zeitlinie aber schon, vor allem, weil es nicht durchgezogen wird. Da muss der Zuschauer in der ersten viertel Stunde gedanklich ein oder zweimal in der Zeit hin und her springen, aber dramaturgisch notwendig wäre das tatsächlich nicht gewesen – der einzige Grund, der dafür spricht, ist, dass man schneller eine Schocksequenz vor dem Titel hat. Aber wenn das wirklich der einzige Grund dafür war… na ja.

Tarantino hat sich nicht mit der Kamera ausgetobt, nicht mal mit Schnitten, und das ist einfach ein wenig schade, aber im Endeffekt nicht wirklich schlimm, ist das visuelle Design der Serie an sich ja schon sehr dynamisch und Tarantino-like.
Aber ein paar kleine Scherze leistet sich Tarantino dann doch: Tony Curtis in einem Las-Vegas-Kurzauftritt (er spielte in den 70ern ja mal in einer Serie einen Spielbank-Chef), eine schwarz-weiss-Albtraum-Sequenz, die Komik mit Splattereffekten vermischt… ja, das hat man sich von Tarantino gewünscht. Und dass er ein handwerklich hervorragender Regisseur ist, der auch ohne Tarantino-Dialoge und moderner Gewalt-Ästhetik Spannung und Horror verbreiten kann, wissen wir nun auch.

So hat Tarantino die Frage, ob gerade er überhaupt geeignet ist, ein Serienformat auszufüllen ohne es zu sprengen oder mit seinem eigenen Stil zu „verunglimpfen“, durchaus positiv beantwortet. Ihm ist vielleicht kein Stück Fernsehgeschichte gelungen, dazu hat irgendwas gefehlt, aber er hat das, was das Fernsehen an Schrecken und psychischer Brutalität verträgt, ausgereizt.

Ich würde mir mehr solche Folgen wünschen. Aber dann bitte auch mit einer Motivgeschichte, die nicht aus dem Nachtkasten stammt, und bei der sich in der letzten Szene nicht das Opfer beim Täter dafür entschuldigt, dass es seine Arbeit getan hat.

Trotz der kleinen Schwächen bekommt diese Folge nicht weniger als

9 von 10 Punkten – denn so schockte noch keine mir bekannte CSI-Folge, geschweige denn irgendeine andere Serie, die ich jemals gesehen habe.

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