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–== SPOILER-WARNUNG! ==–

Oskars in den Kategorien “Bester Film”, “Beste Regie”, “Beste Hauptdarstellerin” und “Bester Nebendarsteller”… das ist eine ganze Menge für einen Mann, dessen erster Auftritt auf der Kinoleinwand keine 10 Sekunden in “TARANTULA” dauerte, der dann eine amerikanische Westernserie spielte, zum Italo-Western-Vorzeige-Star avancierte und 1971 seine erste Regie-Arbeit mit “SADISTICO” ablegte. Ein furchtbares Stück Krimi, ich glaube nicht, dass damals irgend jemand geglaubt hätte, dass aus Clint Eastwood in Punkto Regie jemals etwas werden kann. Nun ja, vielleicht war er auch abgelenkt damals, denn im selben Jahr spielte er zum ersten Mal DIRTY HARRY und etablierte damit einen Charakter-Typus, der überhaupt erst zu Filmen wie “RAMBO”, “TERMINATOR” und dergleichen führen konnte.

Ein Boxer-Drama diesmal also, noch dazu in dem recht jungen Millieu der weiblichen Boxer, das zumindest deutschlandweit nur durch eine Frau bekannt geworden ist: Regina Halmich. Ich möchte einen etwas patriotischen negativen Punkt gleich zu Beginn los werden: Clint Eastwood scheint irgendwas gegen die Deutschen zu haben. In seinem Film ist die deutsche Weltmeisterin eine ehemalige Hure aus der DDR. Da stört es auch nicht, dass sie schwarz ist, genauso wie die Trainer, und dass sie das auslösende Moment zur Katastrophe ist. Dass dann noch ein deutscher Schäferhund erwähnt wird, dessen Hinterbeine nicht mehr funktionieren und der sich unter dem Gelächter anderer nur noch mit den Vorderpfoten fortbewegen kann, ist eigentlich nur die Krone. So daneben geschrieben hat Eastwood noch nie eine Rolle, ich versteh einfach nicht was ihn da geritten hat. Es blieb nicht der einzige dramaturgische Fehlgriff in dem Film.

Dabei fängt alles sehr gut an. Clint Eastwood spielt einen alternden Boxtrainer. Und ich finde es beachtlich, dass ein Mann, der Rollen wie Callahan und Dirty Harry gespielt hat, im Alter kei Problem darin sieht, einen alten Mann zu spielen. Da sitzt der Hosenbund zu weit oben, man geht nicht mehr ganz so gerade, man wirkt verbraucht ohne schwach zu sein. Clint Eastwood ist nunmal kein Charles Bronson, der mit 70 noch mit ner MP durch die Strassenzüge von New York eierte und im Alleingang ganze Massen an bösen Jungs das leben aushauchte.
Morgen Freeman spielt den besten Freund und Kompagnon von Eastwood, der hauptsächlich für die Sauberkeit in der Trainingshalle zuständig ist. Der Plot ist kurz erzählt: eine junge Frau von 31 jahren (sie sieht locker 6 jahre jünger aus, auch so was seltsames) will unbedingt Boxerin werden, schafft es den alten Trainer zu überreden und ist unheimlich erfolgreich. Ihre Art zu boxen ist nicht gerade zimperlich, Gewissensbisse, sie könnte mit ihrem Stil Menschen umbringen hat sie erst sehr spät. Dass ausgerechnet sie durch einen illegalen Nachschlag der deutschen, schwarzen (ich komm da nicht drüber weg, die Frau sieht so dermassen amerikanisch aus) Weltmeisterin bekommt und unglücklich auf einem Stuhl landet, ist nunmal Berufsrisiko. Etwas arg konstruiert vom Autor und so folgen nach 90 Minuten hervorragendem Boxer-Film 30 Minuten RTL-Nachmittagsprogramm, in dem auf das (leider immer noch nicht wirklich vorhandene) Recht auf Selbstbestimmung beim Sterben hingewiesen wird. Wenigstens hier entscheidet sich Eastwood für den richtigen Ausgang und erlöst eine vom Hals ab gelähmte Frau von ihrem Leiden - ich hatte wirklich die Befürchtung, es würde anders ausgehen.
In diesem Zusammenhang findet sich Kritik an der Kirche - der junge Pfarrer kann dem alten Trainer nur schwer helfen, er versucht es nichtmal auf theologischer Basis. Hätte beim Trainer auch keinen Sinn, nachdem dieser tagtäglich zu seinen Predigten gekommen ist und ihn danach mit Fragen über die Dreifaltigkeit und die unbefleckte Empfängnis schier in den Wahnsinn zu treiben versucht. Dies sind nicht die einzigen witzigen Szenen in dem Film, die einem am Ende im Hals stecken bleiben.
Vor dem ganzen Drama ergötzt man sich an einem wirklich hervorragendem Boxer-Film. Hier darf der Vergleich zum ebenfalls Oskar-prämierten Film “ROCKY” einfach nicht fehlen: Eastwood honriert den Film, seine Trainer-Figur gleicht in gewissen Zügen dem Trainer von Rocky, in gewisser Weise auch Rocky selbst, wenn er, wie einst Balboa in Rocky V, die selben Boxschläge ausserhalb des Ringes vollzieht, wie sein Schützling innerhalb der Seile. Überhaupt habe ich in noch keinem Boxerfilm soviele Punchs gehört und so viele Boxszenen gesehen, wie in diesem. Man wird da durchaus gut bedient. Eastwood tritt aber auch in einen Dialog mit den Rocky-Filmen, wenn er den das Herz eines Boxers als seine wichtigste Eigenschaft negiert: “Zeig mir einen Boxer mit Herz, und ich zeige Dir einen Mann, der Prügel bezieht.”

Ich weiss nicht, mir gefällt die Wendung am Ende nicht. Es muss ja kein Happy-End sein, aber die letzten 30 Minuten eine dahinsiechende und nach dem Tod bettelnde Frau zu zeigen, irgendwie passt das nicht. Regiemässig hat er allerdings wirklich zugelegt seit “SADISTICO” (das war aber schon lange klar), der Oskar in dieser Kategorie ist durchaus gerechtfertigt. Der Oskar für Morgan Freeman, der wieder mal genial spielt, auch. Für den besten Film und die beste weibliche Hauptdarstellerin werde ich die Oskars aber nie verstehen.

6 von 10 Punkten: das erste mal seit “SADISTICO”, dass ich von einem Eastwood-Film (mit ihm oder ohne ihm in der Regie) nicht so ganz begeistert bin. Die negativen Punkte sind unsinnig und nagen an meiner Seele. Und das bei einem ansonsten wirklich hervorragendem Film, der einem sehr nahe geht und in seiner Endaussage Betroffenen nur als Beispiel dienen kann.

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