Archiv für Dezember, 2009

FALCO –The Spirit Never Dies (Rezension)

Pünktlich zur Weihnachtszeit wird die Musikmaschinerie angeworfen, und in diesem Jahr steht uns wohl seit heute eine kleine musikalische Sensation bevor – zumindest, wenn es nach den Produzenten des neuen FALCO-Albums geht. Die Jeanny-Trilogie soll vollendet werden und aus vor einem Wasserschaden geretteten Masterbändern aus dem Jahr 1987 sollen 8 neue Songs rekonstruiert worden sein.

Um es vorweg zu nehmen: wir werden durchaus ein paar musikalische Überraschungen erleben, und einen sehr ungewöhnlichen, faszinierenden Falco.

Aber nach genauerem Hinsehen werden aus 8 neuen Songs im Endeffekt nur noch 5 neue Songs, die, um ein Album zusammen zu kriegen, auf 12 Tracks aufgeblasen wurden. „Que Pasa Hombre“ und „Poison“ wurden schon auf dem Posthum-Album „Verdammt wir leben noch“ veröffentlicht. Ich bin mir nicht sicher, weil mir dieses Album im Moment nicht vorliegt, aber gerade bei „Que Pasa Hombre“ wurde, glaube ich, eine grandiose neue Abmischung geschaffen. Aber sowas nennt man heute „Remix“, und nicht einen neuen Titel.

Die „Titel“ Nummer 1 „Return To Forever“ und Nummer 12 „Forever“ sind keine eigenständigen Titel, sondern verbinden den Beginn und das Ende des Albums und basieren auf „The Spirit Never Dies“, dem angeblichen dritten Teil der bis dato unvollendeten Jeanny-Trilogie.

Als neue Titel bleiben also „Nuevo Africano“, „The Spirit Never Dies“, „Sweet Symphony“, „Kissing in the Kremlin“ und „Dada Love“, sowie die spannende Frage, ob „The Spirit Never Dies“ tatsächlich der dritte Jeanny-Teil ist, oder ob da nur gutes Marketing betrieben wurde.

Betrachten wir diese Frage zuerst, denn so heben wir uns die guten Nachrichten und guten Songs für das Ende auf.

Es gibt einige Punkte die dafür sprechen, dass dies tatsächlich der dritte Teil ist, aber auch einige gute Argumente, die dagegen sprechen.
Das vorliegende Album wurde 1987 produziert, nach „Emotional“, auf dem sich Jeanny 2 befindet, und vor „Wiener Blut“, 1988 erschienen.  Die Geschichte des Albums an sich ist ja schon interessant: Falco überwirft sich bei „Emotional“ mit seinen Produzenten Bolland & Bolland und steigt auf einen neuen Produzenten um, mit dem er neun Monate lang an einem Album arbeitet – Gunther Mende. Die Qualität und die Anzahl der Songs passte dem Musikverlag jedoch nicht, weswegen das Album auf Eis gelegt wurde, einige Songs bei „Wiener Blut“ unter kamen und Falco Ende des Jahres 1987 den in meinen Augen zutiefst unterschätzten Titel „Body next to Body“ mit Brigitte Nielsen veröffentlichte - nach eigener Aussage auch nur, um mit seiner Duett-Partnerin ein Techtel-Mechtel anfangen zu können. Nun ja, wenn man Titel wie auf dem vorliegendem Album produziert hat, mag einem ein Titel wie „Body next to Body“ selbst zu trivial vorkommen, auch wenn er absolut rockt.

Nun gut, aber zurück zu „The Spirit Never Dies“. Sauber produziert und eine Falco-Stimme, die man so noch nicht wirklich kannte: dunkler, rauer, ernster – faszinierend. Wenn man damals tatsächlich das Ziel hatte, Falco einen neuen Touch zu geben, hat man es geschafft.
Aber gehört der Titel nun zu Jeanny? Na ja - man KANN den Titel so interpretieren, dass er zur Jeanny-Trilogie gehört: in tarantino-istischer Manier kann man den Titel als zeitlichen Rücksprung vor den  ersten Jeanny-Teil sehen und hätte so ein rundes Bild: ein Mann lernt die Liebe seines Lebens kennen, die Liebe dauert aber nur einen Sommer lang. Der „Spirit“ dieser Beziehung wird ihm jedoch nie verloren gehen. Jeanny 1 wäre dann die Phase, in der der Mann, frisch getrennt und unter Liebeswahn, alle Möglichkeiten durchgeht, seine Liebe zurück zu gewinnen, und dabei sogar an eine Entführung denkt – für einen verlassenen Mann eine trotz aller enthaltenen sexuellen Aggression durchaus romantische Vorstellung, denn zu dieser Vorstellung gehört auch immer, dass die Frau, beeindruckt von der Tatkräftigkeit, wieder zu ihrer früheren Liebe zurück findet. So würde sich auch erklären, warum Falco den ersten Jeanny- Teil immer als so missverstanden eingestuft hat. Schließlich kommt der Mann zu sich („Coming Home“), er ist wieder bei Sinnen, wünscht sich immer noch seine Liebe zurück, ist aber der gefährlichen, fanatischen  Besessenheit entkommen.
„The Spirit Never Dies“ passt also durchaus in die Trilogie, außerdem würde es zeitlich passen, jeder Teil wäre dann im Ein-Jahres-Abstand veröffentlicht worden.

Aber es spricht auch einiges dagegen. Denn allein betrachtet ist „The Spirit Never Dies“ einfach ein wunderschöner Love-Song mit einer außergewöhnlichen Falco-Stimme und einem deutlichen Abstand zu den Bolland & Bolland-Produktionen. Das mag einem nun besser gefallen oder nicht. Tatsache aber ist, dass der Name „Jeanny“ nicht ein einziges Mal fällt, was durchaus auffällig ist und einen Bruch zu den ersten beiden Teilen darstellt. Wenn man dann noch das (ebenfalls unterschätzte, weil seiner Zeit weit voraus seiende) Album „Data De Groove“ genau anhört, fällt einem auf, dass Falco im Jahr 1991 im Song „Bar Minor 7/11 (Jeanny Dry)“ die Textzeilen spricht: „Wer hot Dir eigentlich gsogt, dass Du Jeanny hoasst? Des woar doch sicher mein Produzent!“

Würde ein Künstler, der seine Trilogie, wenn auch im Geheimen, schon vollendet hat, so etwas schreiben? Ich denke mal eher nicht, aber macht euch selbst  ein Urteil.

Kommen wir nun zu den wirklich neuen Titeln, und da steht dem Falco-Fan ein wahres Fest bevor:
zuerst mal „Nuevo Africano“, ein absolut untypischer Falco-Titel, vor allem für die 80er. Man weiß natürlich bei dem ganzen Album nicht, wie viel davon nun aus den Originalbändern stammt, und wie viel neu produziert wurde. Hier muss man dem Produzenten aber eine wirklich grandiose Arbeit bescheinigen: es bleibt Falco, der Sound ist zwar modern, aber zeitlos, und gerade bei „Nuevo Africano“ treiben die Beats über das Intro „Return to Forever“ hinein in den eigentlichen Song, dass keiner mehr Drogen braucht, um in afrikanische Trance zu verfallen. Ich vermute fast, dass dies der Song ist, den Falco irgendwann mal mit „Afrika Bambaata“ zusammen machen wollte (es gibt Videos, in denen Falco denen einen Walkman mit einem Demo in die Hand drückt) – leider ist es nie zu dieser Zusammenarbeit gekommen.

Nach der „Jeanny“-Trilogie und den Aufgüssen von „Que Pasa Hombre“ und „Poison“ geht es zum Titel „Sweet Symphony“. Tongewaltig ist er, Falco-typische Elemente finden sich auch, aber ehrlich: ein Prunkstück ist es in meinen Augen nicht - ich fand Falco in seinen reinen Gesangsstücken ohne Rap-Elemente sowieso meistens nicht so überzeugend.

Kommen wir also lieber gleich zu einer kleinen Sensation: „Kissing in the Kremlin“. Hier bekommen wir nochmal einen richtigen 80er-Jahre-Falco um die Ohren gehauen, wie man es nie gewagt hätte zu träumen: zu Beginn des Stückes eine kleine Anlehnung an „I can‘t stand the Rain“, untermalt von modernen Electro-Beats und Falco-Scats, dann übergehend in treibende Gitarren-Riffs, die Falco nochmal so richtig aufspielen lassen: er rappt und zitiert seine Kommissar-Zeiten und findet sich dann in einem Refrain, bei dem man unweigerlich an Modern Talking denken muss. Wenn das kein Posthum-Hit wird, machen die Produzenten irgendwas falsch, sowas Geniales gab es schon lange nicht mehr, auch nicht von Falco.

Als letzter neuer Titel sei „Dada Love“ genannt, der so deutlich wie nur selten zeigt, WIE genial Falco eigentlich war: man stelle sich ein Bild von Salvador Dali vertont vor, und man landet bei „Dada Love“. Tatsächlich ein uns noch unbekannter Falco, und es ist schade, dass man diesen Weg 1987 nicht weiter verfolgt hat – der neue Produzent Gunther Mende hat Falco neue Impulse geliefert, und heraus kam etwas, mit dem man 1987 wohl noch nichts anfangen konnte. Falco war seiner Zeit musikalisch immer voraus und hat wichtige Strömungen vor allen anderen erkannt – das gepaart mit seinem Talent und dem absolutem Gehör musste immer wieder Dinge hervorbringen, die der Rest der Menschheit erst Jahre später begreifen kann.

Zusammenfassend kann man sagen, dass das neue Album „The Spirit Never Dies“ ein wunderbares Weihnachtsgeschenk für Falco-Fans ist, auch wenn es ein wenig aufgeblasen wurde. Das Booklet ist äußerst interessant, aber wohl eher als gute Werbung für das vermutlich interessante neue Buch über Falco von seinem Weggefährten  Horst Bork zu verstehen. Leider wurden die Lied-Texte nicht mit abgedruckt, aber es gibt nun mal einen Unterschied zwischen den Zeiten, in denen Falco noch gelebt hat, und der heutigen Zeit, in der andere seine Hinterlassenschaft… wie soll ich sagen… ein wenig „ausschlachten“. Falco kannte die Gesetze der Musikwirtschaft und war dem „Geld machen“ sicher ebenfalls nicht abgeneigt, aber er hat sich seinen Fans gegenüber dabei nie unfair verhalten. Und dieses Gefühl wird man bei diesem Album irgendwie einfach nicht richtig los. Da entschädigt nur ein Falco, der sich sogar nach seinem Tod immer wieder neu erfinden kann.

03.12.2009, Christian Bey

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